Ideen sind unser Produkt: Bala Trachsel über KI, faire Pitches und die LiveCom in Bern

KI als Sparringpartner, Nein zu Gratis-Pitches und eine Branche, die in Bern gehört werden will: Bala Trachsel, CEO von Republica und neue Co-Präsidentin der Swiss LiveCom Association, im Gespräch.
Bala Trachsel Lüthi, Vizepräsidentin der EXPO EVENT Swiss Livecom Association

Seit dem 8. September 2026 führt Bala Trachsel zusammen mit Nicole Pandiscia die Swiss LiveCom Association EXPO EVENT als Co-Präsidentin. Zuvor war sie Vizepräsidentin des Verbands. Sie folgt auf Christian Künzli, den wir hier im Blog zu Gast hatten. Der Verband will in allen Landesteilen präsenter werden, politisch mehr Gewicht bekommen und den XAVER Award zu einem Multi-Event-Tag der Branche ausbauen.

Im Hauptberuf ist Bala Trachsel Gründerin und CEO der Berner Kreativagentur Republica. 2016 kam die Agentur zur Bernexpo, Anfang 2020 kaufte sie Republica zusammen mit dem Management zurück. Heute ist die Agentur wieder inhabergeführt und baut gezielt Kompetenz in Technologie und KI auf. Im Gespräch erzählt sie, wo KI bei Republica mitdenken darf und wo nicht, woran man einen wirkungslosen Event erkennt, warum die Branche Gratis-Pitches ablehnen sollte und was Locations wie JED Events besser machen können.


Liebe Bala, Republica baut gerade Kompetenz in Technologie und KI auf. Wo habt Ihr KI in einem der letzten Projekte eingesetzt, und wo habt Ihr bewusst darauf verzichtet?

Bei unserem letzten grossen Pitchprojekt war KI in der Konzeptphase unser Sparringpartner: In einer halben Stunde (vorher einem Nachmittag) lagen dreissig Ideen-Varianten, Moodbilder und erste Ablaufszenarien auf dem Tisch. Früher brauchte das eine Woche. Das letzte Wort lassen wir der KI aber nie.

Der neue AI & Creativity Report von D&AD zeigt, warum: Forschende haben über 70 Sprachmodelle getestet, und sie liefern erstaunlich oft dieselben Antworten. Wer nur mit KI arbeitet, landet im Durchschnitt. Und das Publikum merkt es. Laut einer im Report zitierten Umfrage vertrauen 32 Prozent einer Marke weniger, wenn sie KI-Inhalte erkennen, nur 7 Prozent mehr.

Darum verzichten wir bewusst dort, wo es um Haltung und Nähe geht: auf der Bühne, bei Reden und bei persönlichen Botschaften an die Gäste. Eine Rede, die eine Maschine geschrieben hat, merkt man. Spätestens dann, wenn niemand lacht.

Spannend finde ich auch: Bei den D&AD Awards hat sich der Anteil der Einreichungen mit KI innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt, auf 27,6 Prozent. Überzeugt haben aber vor allem Arbeiten, bei denen KI unter der Idee arbeitet und nicht an ihrer Stelle. Genau so setzen wir sie ein. KI macht uns schneller. Die Entscheidungen treffen wir.

 

Zahlen zum Thema

KI in der Kreativ- und Eventbranche

Kennzahl20252026
D&AD Award-Einreichungen mit KI-Angabe [1]10,7 %27,6 %
Generative KI bei allen Einreichungen mit KI [1]–56,2 %
Generative KI bei den Pencil-Gewinnern mit KI [1]–44,7 %
Schweizer LiveCom-Betriebe, die KI nutzen [2]–67 % (EXPO EVENT: 78 %)

Reaktion auf Marken, die erkennbar KI-Inhalte einsetzen [3]

Vertrauen weniger32 %

 

Neutral61 %

 

Vertrauen mehr7 %

 

Die «über 70 Sprachmodelle» stammen aus der Studie «Artificial Hivemind», ausgezeichnet an der NeurIPS 2025: Die Antworten verschiedener Modelle auf dieselben offenen Fragen sind sich im Schnitt zu 71 bis 82 Prozent ähnlich. [4]

Die Gewinner nutzen KI also eher unterstützend als generativ. Die Umfrage zum Vertrauen stammt von Klaviyo (rund 8000 Befragte in acht Ländern, Dezember 2025) und wird im D&AD-Report aufgegriffen.

 


Woran erkennt ein Auftraggeber, dass sein Event zwar gefallen, aber nichts bewirkt hat?

Wenn am Montag niemand mehr darüber spricht. «Schöner Anlass, feines Essen» ist ein Kompliment an den Caterer, nicht an die Kommunikation.

Ein Event hat gewirkt, wenn danach etwas anders ist: Mitarbeitende tragen eine Veränderung mit, Kunden melden sich, ein Gespräch geht weiter. Darum gehört das Ziel ins Briefing und nicht erst in den Schlussbericht.

 

Zahlen zum Thema

Viele Events haben kein messbares Ziel

70 %

der Veranstalter hatten 2024 Mühe, den Return on Investment ihrer B2B-Events zu belegen.

24 %

nennen Pipeline-Wachstum als wichtigstes Eventziel, 2023 waren es erst 16 %.

Wichtigstes Ziel für B2B-Konferenzen [5]

Mehr Verkaufschancen (Pipeline)24 %

 

Mehr Teilnehmende19 %

 

Mehr Ticketumsatz15 %

 

Ein Befragter bringt Balas Punkt auf den Satz: Die Ziele seien nicht mit Blick auf die Wirkung formuliert worden und liessen sich deshalb kaum messen.

Bizzabo, State of Events 2025: 1558 Antworten, Erhebung im November 2024, international.

 


Preisdruck und unbezahlte Pitches werden offen diskutiert. Sollte die Branche Gratis-Pitches konsequent ablehnen? Und was können Auftraggeber, Agenturen und auch wir Locations selbst dazu beitragen?

Ja. Ideen sind unser Produkt, und kein Schreiner baut zur Probe gratis drei Küchen. Laut der Event-Trend-Studie 2026 bleibt mehr als ein Drittel aller Pitches unbezahlt, obwohl der Aufwand oft fünfstellig ist.

Auftraggeber können die Zahl der eingeladenen Agenturen begrenzen und ein Pitch-Honorar zahlen. Agenturen müssen Nein sagen, und zwar alle, sonst funktioniert es nicht. Und Locations können bei der Offertphase nicht einfach jede Anfrage mitspielen, sondern Agenturen den Rücken stärken, die fair arbeiten.

 

Zahlen zum Thema

Pitches in der Schweizer LiveCom-Branche

Kennzahl20242026
Betriebe, die an Pitches teilnahmen [2]–60 %
Pitches ganz ohne Honorar [2]63 %36 %

Es bewegt sich also etwas: Der Anteil unbezahlter Pitches ist seit 2024 deutlich gesunken. Trotzdem bleibt mehr als ein Drittel unvergütet, und bei EXPO EVENT gibt es für die meisten Pitches nur ein kleines Honorar.

Event Trend Studie Schweiz 2026 von EXPO EVENT, svtb, TECTUM und VSSA, durchgeführt von GIM Suisse: 203 Mitgliedsbetriebe, Erhebung Januar und Februar 2026. Werte zum Honorar bezogen auf Betriebe mit Pitch-Teilnahme (n = 55). Mehr dazu in unserem Beitrag Der unbezahlte Pitch.

 


Worauf achtet eine Agentur bei der Wahl einer Location wirklich, und was machen Locations dabei immer wieder falsch?

Wir achten auf drei Dinge: Passt der Raum zur Geschichte, die wir erzählen wollen? Ist er flexibel genug, dass wir ihn verwandeln können? Und ist das Team vor Ort Partner oder Verwalter?

Der häufigste Fehler ist die Haltung «Das haben wir noch nie so gemacht». Und auf Platz zwei: die Preisliste mit 47 Zusatzpositionen, die erst nach der Unterschrift auftaucht.

 

Zahlen zum Thema

Was bei gleichem Preis den Ausschlag gibt

Wichtigkeit bei der Wahl der Location, Skala 1 bis 5 [6]

Atmosphäre und Design4,6

 

Flexible Raumkonzepte4,2

 

Barrierefreiheit4,1

 

Nachhaltigkeitsstandards3,9

 

Lösungen für hybride Formate3,6

 

Meeting- & EventBarometer 2025/26 des EITW für EVVC, GCB und DZT: 678 Veranstaltende aus Deutschland, Befragung Anfang 2026. Gefragt war, was zählt, wenn Erreichbarkeit, Preis und Qualität gleich sind. Genau dort liegen Balas zwei Kriterien Geschichte und Verwandelbarkeit.

 


Der Verband will politisch sichtbarer werden. Welche Forderung möchtet Ihr bis 2027 nach Bern tragen, und welche Zahl zur Schweizer LiveCom-Branche sollte jede Politikerin und jeder Politiker kennen?

Die Live-Kommunikation soll als Wirtschaftsfaktor anerkannt und in die Standortförderung einbezogen werden, mit der gleichen Aufmerksamkeit wie Tourismus oder Kultur. Wir sind eine KMU-Branche: Rund 90 Prozent unserer Betriebe sind Klein- und Kleinstunternehmen.

Und eine Zahl für jedes Parlamentsbüro: Der Eurovision Song Contest hat Basel 91,2 Millionen Franken Wertschöpfung gebracht. Das ist LiveCom.

 

Zahlen zum Thema

Was ein Grossanlass auslöst: ESC 2025 in Basel

Ausgaben der BesuchendenMio. CHF
Übernachtungen25,8
An- und Rückreise18,4
Verpflegung8,7
Merchandise4,0
Tickets und Übriges34,3
Total [7]91,2
davon mindestens in der Schweiz57,6

Genau genommen sind die 91,2 Millionen hochgerechnete Ausgaben der rund 90 000 Besuchenden, keine volkswirtschaftliche Wertschöpfung. Die HWZ nennt sie einen zentralen Beitrag dazu. Und zur Struktur der Branche: Gemessen an Vollzeitstellen sind fast 90 Prozent der Mitgliedsbetriebe der vier Verbände Mikro- und Kleinunternehmen. [2]

HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich und Ticketcorner mit der SRG: Befragung aller Ticketkäufer, 2585 Antworten, Juli und August 2025. «Tickets und Übriges» ist die Differenz zum Total.

 


Wo ist unsere Branche bei Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft tatsächlich weitergekommen, und wo reden wir noch mehr darüber, als wir verändern?

Weitergekommen sind wir bei Food Waste, Mehrweg und der Anreise mit dem ÖV, da hat sich viel bewegt. Hinterher sind wir bei Bau und Material. Noch immer landen zu viele Messestände und Bühnenbilder nach drei Tagen in der Mulde.

Solange Wiederverwendung teurer ist als Wegwerfen, bleibt das Thema im Nachhaltigkeitsbericht statt in der Lagerhalle. Hier müssen Auftraggeber bereit sein, Modulares statt Einmaliges zu bestellen.

 

Zahlen zum Thema

Wo der Abfall entsteht

42 %

des Baumaterials an Events wird nur ein einziges Mal verwendet.

78 %

des verlegten Teppichs ist Einweg.

27 %

der Emissionen eines Events stammen aus Material, ohne Anreise des Publikums.

In der Schweiz sind erst 10 Prozent der LiveCom-Betriebe nach ISO 20121 zertifiziert, bei EXPO EVENT 16 Prozent. Rund ein Viertel der übrigen plant eine Zertifizierung. [2]

isla TRACE: Messdaten von 789 Events im Jahr 2025, überwiegend aus Grossbritannien [8]. Für die Schweiz gibt es keine vergleichbare Erhebung.

 


Was muss sich ändern, damit junge Talente die LiveCom als attraktive Branche sehen und auch langfristig bleiben?

Die Branche ist faszinierend, aber wir verheizen unsere Leute. Wochenenden, Nachtschichten und Projektspitzen gehören dazu, aber nicht als Dauerzustand. Wir brauchen planbare Kompensation, faire Löhne und echte Entwicklungsperspektiven.

Und wir müssen besser erzählen, wie viel Kreativität, Technik und Strategie in unserem Beruf steckt. Wer Gänsehaut-Momente baut, sollte nicht selbst ausbrennen. Unser NxtGen Programm schafft neue Zugänge, Perspektiven und die Zukunft unserer Branche.

 

Zahlen zum Thema

Fachkräfte in der Schweizer LiveCom

Anteil der Betriebe20242026
stellen bei der Rekrutierung Fachkräftemangel fest [2]80 %64 %
erwarten in zwei Jahren mehr Personal [2]52 %42 %

Der Mangel hat sich etwas entspannt, bleibt aber hoch. Gleichzeitig rechnen weniger Betriebe damit, wachsen zu können, und eine Mehrheit wünscht sich ein besseres Weiterbildungsangebot.

Event Trend Studie Schweiz 2026, 203 Mitgliedsbetriebe, Vergleich mit der Ausgabe 2024.

 


Und zum Schluss etwas Persönliches:

Angenommen, Du bekommst JED Events für einen Abend ganz zur freien Verfügung, ohne Kundenbriefing und ohne Vorgaben. Was würdest Du veranstalten, und wen würdest Du unbedingt einladen?

Ich würde die Gala der abgelehnten Ideen veranstalten. Jede Agentur der Branche darf ihr bestes Konzept zeigen, das nie umgesetzt wurde, weil es zu mutig, zu teuer oder zu früh war. Die Jury vergibt den ‹Goldenen Papierkorb›. Eingeladen sind alle Auftraggeber, die damals Nein gesagt haben. Natürlich in der ersten Reihe.

Ich verspreche: So viel Kreativität auf einem Haufen hat JED noch nie gesehen. Und so viel Schadenfreude auch nicht.

 

Quellen

Quellenstand: 8. Oktober 2026. Die Aussagen im Interview sind die von Bala Trachsel; die Zahlenboxen hat die Redaktion von JED Events ergänzt.

[1]D&AD AI & Creativity Report 2026 «The Cost of the Shortcut», 18. August 2026: dandad.org; Zahlen zu den Einreichungen nach medianews4u.com und propmark.com.br.

[2]Event Trend Studie Schweiz 2026, EXPO EVENT, svtb, TECTUM, VSSA und GIM Suisse: Studie als PDF.

[3]Klaviyo, 2026 AI Consumer Trends Report: klaviyo.com.

[4]Jiang et al., Artificial Hivemind: The Open-Ended Homogeneity of Language Models, NeurIPS 2025: arxiv.org.

[5]Bizzabo, State of Events 2025: bizzabo.com.

[6]EITW, Meeting- & EventBarometer Deutschland 2025/26, Ergebnispräsentation Mai 2026: evvc.org.

[7]HWZ, Medienmitteilung vom 4. Dezember 2025, «91.2 Millionen Franken an Wertschöpfung durch ESC-Besuchende»: fh-hwz.ch.

[8]Exhibition News, «Carpet is the events industry’s most polluting build material», 17. Juli 2026: exhibitionnews.uk.

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